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Was kostet die Kugel Eis? Was kostet der Glühwein? etc. – Es gibt einen festen „Themen-Fahrplan“ im Jahr, der so zuverlässig ist wie der Sonnenaufgang, aber jedes Mal so diskutiert wird, als wäre es eine weltbewegende Neuigkeit. Hier ist die ultimative Liste der alljährlichen „Déjà-vu-Themen“:

Der ewige Kreislauf der Vorhersehbarkeit

MonatDas „große“ ThemaDer Kern der Debatte
JanuarDie guten VorsätzeFitnessstudios verdienen ihr Jahresgehalt an Leuten, die ab dem 12. Januar nie wieder kommen. Raucher werden für drei Tage zu militanten Nichtrauchern.
FebruarDer Krapfen/Berliner-CheckWie viel Füllung ist drin? Und warum kostet ein Hefeteilchen plötzlich so viel wie ein gebrauchtes Kleinkraftrad?
MärzDie Eis-Inflation„Wucher! Die Kugel für 2,00 Euro!“ – Der Eispreis-Index wird zur wichtigsten Währungseinheit des deutschen Frühlings.
OsternDie Eier-Farbe-PanikSind gefärbte Eier aus dem Supermarkt giftig? Und: „Warum ist der Schokohase teurer als die Tafel Schokolade?“ (Mathematik vs. Marketing).
MaiDas weiße Gold (Spargel)Die jährliche Frage: „Kann man sich Spargel dieses Jahr überhaupt noch leisten?“ gefolgt von der wissenschaftlichen Abhandlung über den Geruch des Urins danach.
JuniDer Sonnencreme-KriegWelcher Lichtschutzfaktor lässt uns nicht wie ein gekochter Hummer aussehen? Plus: Die Debatte, ob Grillen mit Kohle oder Gas „echter“ ist.
AugustDer Lebkuchen-SchockPünktlich bei 30 Grad im Schatten stehen die ersten Dominosteine im Regal. Alle rufen empört „Viel zu früh!“, während sie heimlich die erste Packung in den Wagen legen.
SeptemberDas Wiesn-Bier-OrakelWie viel kostet die Maß auf dem Oktoberfest? Die jährliche Ohnmacht über den Bierpreis, während man trotzdem drei Maß bestellt.
OktoberDas Heizungs-Lotto„Wer zuerst die Heizung anmacht, hat verloren.“ Deutschland im kollektiven Zwiebel-Look, bis einer am Thermostat einknickt.
NovemberDie Glühwein-Abzocke6 Euro für erhitzten Fusel mit Zucker? Wir schimpfen, wir fluchen – und stehen zwei Minuten später mit klebrigen Händen am Stand.
DezemberDas Blitz-BöllerverbotDrei Tage vor Silvester fällt uns ein, dass Feuerwerk laut ist. Die Forderung nach einem Gesetz kommt so sicher wie der Kater am nächsten Morgen.

Man könnte meinen, wir Menschen brauchen diese rituellen Aufreger, um uns im Kalender zu orientieren. Es gibt uns ein Gefühl von Sicherheit: Solange wir uns über den Eispreis im März und das Böllerverbot im Dezember streiten können, ist die Welt – zumindest oberflächlich – noch in Ordnung.

Es ist wie bei der Stillen Sibylle: Die Zutaten bleiben immer gleich, nur die Leute, die davor sitzen, wechseln. Der eine regt sich auf, der andere kaut schweigend und weiß: „Nächsten Monat ist das Thema eh wieder durch.“

Hier einige Empfehlungen zu Artikeln, die dieses Thema aufgreifen:

Was kostet die Kugel Eis? (hier weiterlesen)

Was kostet der Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt? (hier weiterlesen)

Was kostet das Maß Bier beim Oktoberfest? (hier weiterlesen)

Wann kommt endlich das Böllerverbot? (hier weiterlesen)

Leserbrief an die RUNDSCHAU: „Hört uff zu jaulen, sonst jibt’t ne Schelle!“

An die Herrschaften von de Redaktion,

ick lese ja nun schon ne Weile bei euch mit, aber so langsam krieg ick Plaque uff de Zähne. Sag mal, habt ihr eigentlich ne Eieruhr in de Redaktion stecken, die alle vier Wochen klingelt und sagt: „Achtung, jetzt wieder det Thema von vorletztes Jahr rauskramen“?

Drei Tage vor Silvester fangen se jetzt wieder an zu jaulen: „Böllerverbot! Sofort! Dit jibt ne Katastrophe!“ Ach nee, det fällt euch ja janz früh ein! Dit is wie mit de Nächstenliebe zu Weihnachten – am 24. Dezember wird de Omma aus’m Heim geholt und am 27. janz schnell wieder zurückjeschoben, weil se beim Staubsaugen im Weg steht. Wenn ihr det Geknalle nich wollt, dann macht det Maul im Juni uff! Aber nee, da seid ihr ja damit beschäftigt, euch darüber uffzuregen, det de Kugel Eis jetzt zwei Euro kostet.

Ick sag euch mal wat: Wer im März über de Eispreise jammert, im Oktober darüber heult, det de Heizung noch kalt is (zieht euch ne Jacke an, ihr Mimosen!), und im November janz überrascht is, det de Glühwein uff’m Weihnachtsmarkt nach billigem Fusel schmeckt – der hat doch den Schuss nich gehört!

Dit is alles so vorhersehbar wie de Staubflusen unterm Sofa. Ihr braucht wohl alle diesen jährlichen Schnappatmen-Rhythmus, um euch überhaupt noch zu spüren, wat?

Ick sitze hier in Marzahn in mienem siebten Stock, hab mir ne Stille Sibylle jemacht (Makrele janz frisch, Senf so scharf, det de Nasenhaare kräuseln!) und schaue mir det Trauerspiel an. Ick hab keine Ringe an de Finger, ick brauch det nich für de Eitelkeit. Aber ick hab noch Verstand im Kopp. Wenn ick wat will, dann sare ick det, wenn et an de Zeit is, und nich, wenn de Zug schon längst abjefahren is.

Hört uff, jedes Jahr dieselbe Platte abzuspielen. Det kratzt in de Ohren! Esst mal wat Vernünftiges, wat den Magen beruhigt, dann klappt det ooch wieder mit de Logik.

In diesem Sinne: Nen guten Rutsch – und wer erst am 30. merkt, det Silvester is, der soll bitte janz leise sein.

Elfriede Weber de Fernandez (ehem. Ferienheimleiterin und Expertin für alles Handfeste)


DIE RUNDSCHAU – Redaktion Stadt & Land

Betreff: Ihr Leserbrief vom 29.12. / „Ewig grüßt das Murmeltier“

Sehr geehrte Frau Weber de Fernandez,

haben Sie vielen Dank für Ihre… nun ja, äußerst lebhaften Ausführungen zu unserem redaktionellen Jahresplan. Wir haben Ihren Brief in der Konferenz laut vorgelesen. Danach herrschte im Raum erst einmal eine Stille, die wir sonst nur kennen, wenn die Kaffeemaschine streikt oder der Chefredakteur die Spesenabrechnungen prüft.

Sie haben natürlich einen Punkt getroffen, der uns in der Tat jedes Jahr aufs Neue vor Herausforderungen stellt. Dass wir im März über den Eispreis berichten, im Juni über Sonnencreme und im Dezember über das Böllerverbot, hat – so leid es uns tut – auch mit den Erwartungen unserer Leserschaft zu tun. Es scheint fast so, als bräuchten die Menschen diese vertrauten Aufreger als eine Art „emotionales Geländer“, um sich im Jahreslauf nicht zu verirren.

Was Ihre Beobachtung zum Böllerverbot angeht: Wir geben Ihnen völlig recht. Ein Gesetz drei Tage vor Silvester zu fordern, ist juristisch gesehen in etwa so aussichtsreich, wie am Neujahrsmorgen in Marzahn eine ruhige Minute zu finden. Dennoch ist es unsere Aufgabe, auch diese „spontanen“ Diskussionswellen abzubilden – auch wenn sie so regelmäßig kommen wie der Glühweindurst im November.

Besonders fasziniert hat uns übrigens Ihre Erwähnung der „Stillen Sibylle“. Ein Kollege aus der Lokalredaktion (gebürtiger Plauener) bekam bei der Lektüre feuchte Augen und murmelte etwas von „Makrelen-Harmonie“ und „Brot-Haltung“. Vielleicht ist genau das die Lösung für den Weltfrieden – oder zumindest für eine entspanntere Diskussionskultur: Erst mal ordentlich kauen, bevor man die Feder (oder das Twitter-Konto) spitzt.

Wir nehmen Ihre Kritik als Ansporn, im nächsten Jahr vielleicht schon im Juli über die Heizperiode oder im Januar über die Sinnhaftigkeit von Osterhasen-Hohlfiguren zu berichten – nur um den Rhythmus mal so richtig zu stören.

Bleiben Sie uns als kritische Leserin erhalten. Und ja, wir bemühen uns, das „Jaueln“ in Grenzen zu halten.

Mit freundlichen (und leicht eingeschüchterten) Grüßen,

Dr. Torsten Meise Redaktionsleitung RUNDSCHAU