Die gigantische, oft kaum vorstellbare Eierproduktion der Welt ist kein Zufallsprodukt, sondern die unvermeidliche logistische Konsequenz der modernen Urbanisierung. Die Entstehung von Megastädten, in denen Millionen von Menschen auf engstem Raum leben und arbeiten, hat die Art und Weise, wie wir unsere Grundnahrungsmittel beschaffen, fundamental verändert.
Früher, in agrarisch geprägten Gesellschaften, war das Prinzip der dezentralen Versorgung die Norm.
I. Von der Selbstversorgung zur Abhängigkeit
Die Ernährungswirtschaft hat eine radikale Verschiebung vollzogen, die direkt mit dem Wachstum der städtischen Zentren korreliert:
- Die bäuerliche Autarkie (Das „Früher“-Prinzip): In Zeiten, in denen der Großteil der Bevölkerung auf dem Land lebte, herrschte das Prinzip der Selbstversorgung und des Naturalientauschs. Jeder Hof, jede kleine Siedlung, hatte seine eigenen Hühner. Das Ei war ein Nebenprodukt des Hoflebens, lokal produziert und konsumiert. Die Lieferkette war der Weg von der Legebatterie (im besten Sinne) zum Küchentisch, und die Transportkosten waren gleich null.
- Die städtische Logik (Das „Heute“-Prinzip): In einer Stadt wie Shanghai, Mumbai oder Berlin ist dies unmöglich. Die Bewohner besitzen keinen Grund, um Hühner zu halten. Daher muss die Nahrung zentral und effizient produziert und dann über lange Strecken in die städtischen Zentren transportiert werden.
II. Die Effizienzforderung der Masse
Großstädte stellen eine unerbittliche Forderung an die Produzenten: Bereitstellung von Masse, schnell und kostengünstig.
- Zentralisierung: Die Produktion von Eiern (und auch von Milch oder Getreide) musste sich von Tausenden kleinen Einheiten zu wenigen, hochskalierbaren Großbetrieben verlagern. Nur diese können die Menge liefern, die eine Stadt mit 10 Millionen Einwohnern täglich benötigt.
- Das Ei als Kalorien-Anker: Gerade in asiatischen Metropolen, wo die Bevölkerung schnell wuchs und viele Menschen im Niedriglohnsektor arbeiten, ist das Ei der billigste, zuverlässigste Kalorien- und Protein-Anker. Die Industrie muss so effizient produzieren, um den Preis niedrig zu halten.
III. Das Fazit der Urbanisierung
Die gigantische Eierproduktion ist somit nicht primär eine Frage der Gier, sondern eine zwangsläufige Antwort auf die demografische Realität. Wir haben die Hühner aus den Gärten der Stadt in riesige, industrielle Hallen verlagert, weil die Bevölkerung den gegenteiligen Weg genommen hat – vom Land in die Stadt.
Jedes Ei, das heute in einem Mega-Supermarkt oder an einem Streetfood-Stand in Hanoi verkauft wird, ist der Beweis für die logistische Abhängigkeit der modernen urbanen Zivilisation von einem hochindustrialisierten und zentralisierten Landwirtschaftssystem. Ohne diese gigantische Produktion würden Großstädte schlichtweg verhungern.
