Es gibt Dinge, auf die kann man sich verlassen. Der Wintereinbruch überrascht die Bahn, die Lebkuchen stehen ab August im Regal, und pünktlich am 28. Dezember – exakt zwischen der dritten Gänsebrust-Verdauungsphase und dem ersten Vorsatz für das neue Jahr – erwacht eine ganz spezielle Spezies aus ihrem Dornröschenschlaf: Die „Wir-brauchen-JETZT-ein-Böllerverbot“-Fraktion.
1. Das Timing: Ein logistisches Meisterwerk
Verstehen Sie mich nicht falsch: Ein Böllerverbot hat gute Argumente. Wer einen Hund hat, der an Silvester versucht, sich in der leeren Toilettenpapierrolle zu verstecken, oder wer keine Lust auf Feinstaub-Partys hat, weiß das.
Aber das Timing ist ein echtes Phänomen. Es wird lautstark nach einem Gesetz gerufen – und zwar genau drei Tage vor dem Ereignis. Das ist in etwa so, als würde man am Heiligabend um 17:00 Uhr eine staatlich verordnete Diät für die gesamte Verwandtschaft fordern, während die Ente schon auf dem Tisch steht. Ein Gesetzgebungsverfahren in 72 Stunden? In Deutschland? Wir brauchen ja schon drei Monate, um einen Termin beim Bürgeramt für eine Adressänderung zu bekommen.
2. Das Aufmerksamkeits-Abo
Dieser plötzliche Drang nach politischer Gestaltung wirkt oft wie ein kollektives Aufmerksamkeitsdefizit. Es ist die digitale Entsprechung zum plötzlichen Auftreten von Nächstenliebe am 23. Dezember. Ungefähr 360 Tage im Jahr ist uns der Obdachlose vor dem Supermarkt egal, aber kurz bevor die Glocken läuten, wird die Spendenquittung zum wichtigsten Accessoire des guten Gewissens.
3. Menschen lesen für Anfänger: Der Indikator-Effekt
Im Grunde ist dieser späte Aktionismus aber gar nicht so schlimm. Er ist sogar nützlich! Er dient uns nämlich als hervorragender Indikator, um unser Gegenüber einzuschätzen.
Es gibt Merkmale, die verraten uns mehr über den Charakter als jeder Lebenslauf:
- Zu viele Ringe an den Fingern? Klare Diagnose: Eitelkeit (und vermutlich eine Vorliebe für lautes Klappern beim Tippen).
- Böllerverbot-Forderung am 29.12.? Diagnose: Hang zur theatralischen Kurzzeit-Empörung.
- Nächstenliebe-Postings nur an Weihnachten? Diagnose: Saisonaler Altruismus mit Filter-Garantie.
4. Mein Silvester-Vorschlag
Anstatt uns gegenseitig mit Forderungen zu bewerfen, die ohnehin erst im nächsten Jahrzehnt rechtlich geprüft werden, sollten wir die Zeit lieber sinnvoll nutzen.
Wie wäre es mit ein bisschen „Stiller Sibylle“ für die Nerven? (Sie wissen schon: Makrele, Ei, Senf, dunkles Brot – das internationale Universalgericht für jede Krisenlage). Wer ordentlich kaut, kann nämlich nicht gleichzeitig unrealistische Sofort-Gesetze fordern.
Fazit: Wer wirklich etwas ändern will, fängt im März damit an. Wer nur gesehen werden will, fängt am 28. Dezember an zu schreien. Ich für meinen Teil schaue mir das Spektakel entspannt an – und sortiere meine Mitmenschen stillschweigend in die entsprechenden Schubladen ein.
