Wer nach Hongkong fliegt, landet meist im Sog der Superlative. Man drängt sich durch die Tempel Street, wartet Stunden auf einen Platz bei Tim Ho Wan oder lässt sich in Tsim Sha Tsui von den glitzernden Fassaden blenden. Doch das wahre kulinarische Herz der Stadt schlägt dort, wo die Touristenbusse keine Haltestelle haben. In den verwinkelten Gassen von Sham Shui Po, in den schmucklosen Wohnblocks von Kwun Tong oder in den versteckten Markthallen der New Territories findet eine kulinarische Offenbarung statt, die nichts mit Michelin-Sternen, aber alles mit Identität zu tun hat.
Hier ist ein Guide für all jene, die bereit sind, die klimatisierten Malls zu verlassen und dort zu essen, wo die Speisekarten nur aus Schriftzeichen bestehen und der Boden manchmal ein wenig klebt.
Die Seele des Alltags: Cha Chaan Tengs in den Arbeitervierteln
Das Cha Chaan Teng (Tee-Restaurant) ist die Kantine der Hongkonger Seele. Während die hippen Cafés in Central 12 Euro für einen Avocado-Toast verlangen, wird hier die Fusion-Küche des armen Mannes zelebriert. Ein echter Geheimtipp ist das Viertel Sham Shui Po. Hier findet man Lokale, die seit 50 Jahren unverändert sind.
Bestellen Sie einen „Silk Stocking Milk Tea“ und dazu einen Ananas-Bun mit einer dicken Scheibe gesalzener Butter. In diesen Läden wird nicht geredet, hier wird gelebt. Die Hektik des Personals ist kein Zeichen von Unhöflichkeit, sondern ein rhythmischer Tanz der Effizienz. Wer hier sitzt, ist Teil eines Mechanismus, der die Stadt am Laufen hält.
Cooked Food Centres: Gourmet-Küche in der Markthalle
Eines der am besten gehüteten Geheimnisse sind die Government Cooked Food Centres. Oft verstecken sie sich in den oberen Stockwerken unscheinbarer städtischer Marktgebäude, direkt über den Fisch- und Gemüseständen. Ein Besuch im Java Road Cooked Food Centre in North Point oder im Tai Po Hui Market führt Sie in eine Welt voller Plastikhocker und Weltklasse-Essen.
Hier findet man „Dai Pai Dong“-Atmosphäre (Straßengarküchen) unter einem festen Dach. Die Spezialität: Tung Po. Hier wird Bier aus Kampfschüsseln getrunken und die „Wind Shelter Crab“ (mit Unmengen an knusprigem Knoblauch und Chili) schmeckt besser als in jedem Luxusrestaurant am Victoria Harbour. Es ist laut, es ist heiß, und es ist absolut authentisch.
Kwun Tong: Das industrielle Schlaraffenland
Wenn Sie wissen wollen, wo die junge, kreative Szene Hongkongs isst, müssen Sie nach Kwun Tong. Das einstige Industrieviertel besteht aus grauen Betonklötzen, in deren Inneren sich eine faszinierende Parallelwelt entwickelt hat. Da die Mieten im Erdgeschoss unbezahlbar sind, verstecken sich die besten Restaurants in den oberen Etagen der Fabrikgebäude.
Man fährt mit einem klapprigen Lastenaufzug in den 12. Stock und steht plötzlich in einem Loft-Restaurant, das handgemachte Nudeln oder modern interpretierte kantonesische Tapas serviert. Diese Orte haben keine Laufkundschaft; man muss wissen, dass sie da sind. Es ist die moderne Form der „Speakeasy“-Gastronomie, ohne den prätentiösen Beigeschmack.
Die Kunst der Dim Sum: Fernab der Ketten
Dim Sum ist in Hongkong eine Religion, doch die großen Ketten haben den Prozess oft industrialisiert. Um echtes Yam Cha zu erleben, zieht es Kenner in die New Territories, etwa nach Tsuen Wan. Dort gibt es noch Teehäuser, in denen die Wagen mit den dampfenden Bambuskörben von älteren Damen durch die Reihen geschoben werden.
In diesen Lokalen geht es nicht nur um das Essen, sondern um das soziale Gefüge. Man sieht Rentner, die stundenlang bei einer Kanne Pu-Erh-Tee sitzen und ihre Singvögel in Käfigen mitgebracht haben. Probieren Sie die gedämpften Hühnerfüße in Black-Bean-Sauce oder die klassischen Har Gow (Garnelenklößchen). Der Geschmack ist feiner, die Atmosphäre ehrlicher und die Preise sind ein Bruchteil dessen, was man in den Touristengebieten zahlt.
Tipps für die kulinarische Expedition
- Die Sprache der Bilder: Wenn kein Englisch gesprochen wird, hilft die Kamera. Zeigen Sie auf das, was am Nachbartisch appetitlich aussieht. Es ist das höchste Kompliment für den Koch.
- Das Besteck-Ritual: Wundern Sie sich nicht, wenn man Ihnen eine Schüssel mit heißem Tee hinstellt. Diese dient dazu, Ihre Stäbchen und Schüsseln rituell zu waschen – ein Überbleibsel aus Zeiten, in denen Hygiene noch eine Glückssache war.
- Oktupus-Karte: Stellen Sie sicher, dass Ihre Octopus-Card (die Bezahlkarte für den Nahverkehr) aufgeladen ist. In den kleinen Läden ist sie oft das einzige Zahlungsmittel neben Bargeld.
Wer sich traut, die ausgetretenen Pfade zu verlassen, wird feststellen, dass Hongkong kulinarisch am besten schmeckt, wenn man den Stadtplan weglegt und einfach der Nase nach in den nächsten Lastenaufzug steigt.
