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Unser Stammgast – nennen wir ihn Günther – ist ein lebendes Archiv der deutschen Imbiss-Geschichte. Günther misst die Inflation nicht am Verbraucherpreisindex des Statistischen Bundesamtes, sondern an der Spannweite seiner Currywurst und dem Füllstand seines Kaffeepotts. In letzter Zeit runzelt Günther jedoch die Stirn. Er steht vor seinem Mittagstisch und spürt: Irgendetwas stimmt hier nicht, auch wenn das Auge „satt“ signalisiert.

Die Psychologie des Porzellans: Der „Einkaufswagen-Effekt“

Wir kennen das aus dem Supermarkt: Die Einkaufswagen wurden über die Jahrzehnte immer voluminöser, damit der Wocheneinkauf darin verloren und „wenig“ aussah – was uns dazu animierte, mehr reinzuwerfen. In der Gastronomie erleben wir gerade den umgekehrten Trend.

Viele Gastronomen haben in neues Geschirr investiert. Die Teller sind heute oft Meisterwerke der optischen Täuschung. Ein moderner Teller hat oft einen breiten Rand und einen tieferen, aber schmaleren Innenspiegel.

  • Das Ergebnis: Das Gulasch türmt sich prächtig auf, der Teller wirkt „randvoll“.
  • Die Wahrheit: Würde man den Inhalt auf einen der flachen, riesigen „Wagenräder“ aus den 90ern umbetten, sähe die Portion plötzlich ziemlich verloren aus.

Es ist die „Schrumpflation“ der Keramik. Der Gastronom rettet so seine Kalkulation, ohne dass der Gast sofort das Gefühl hat, betrogen zu werden. Das Auge isst mit – und das Auge lässt sich eben leichter täuschen als der Kalorienzähler im Dickdarm.

Die Industrie als Komplize: „Effektive“ Produkte

Doch nicht nur das Geschirr hat sich angepasst, auch die Industrie liefert die passenden „Waffen“ für den Preiskampf. Es werden Produkte angeboten, die auf dem Teller „mehr hermachen“.

  • Das Schnitzel-Plagiat: Fleischstücke, die so geschnitten oder technologisch vorbereitet sind, dass sie beim Braten nicht schrumpfen, sondern sich flach ausbreiten. Sie bedecken den halben (kleiner gewordenen) Teller, sind aber dünn wie ein Blatt Papier.
  • Die Luft-Pommes: Fritten, die durch eine spezielle Beschichtung oder Form (z.B. Wellenschnitt oder U-Form) mehr Volumen in der Schale einnehmen. Die Tüte sieht prall aus, aber es ist am Ende mehr heiße Luft und weniger Kartoffelmasse.

Günthers Fazit am Tresen

Günther beobachtet das Spiel genau. Er weiß, dass der Wirt auch nur überleben will. Er sieht das neue, schicke Geschirr und versteht: Das ist die moderne Uniform des Überlebenskampfes. Früher gab es den 50-Pfennig-Kaffee im braun geränderten Becher, der so schwer war, dass man damit Nägel hätte einschlagen können. Heute gibt es den „Lunch-Deal“ auf Design-Porzellan.

Der Teller ist voll, die Optik stimmt, und für 8,50 € kann man in der heutigen Welt kein Wunder erwarten. Aber wenn Günther nach dem Essen den Gürtel enger schnallen muss, statt ihn ein Loch weiter zu stellen, dann weiß er: Die Industrie mag „effektiver“ geworden sein, aber sein Magen lässt sich von einem breiten Tellerrand nicht bestechen.


Eindruck der Redaktion

Die Gastronomie reagiert auf den wirtschaftlichen Druck mit Kreativität. Die Investition in neues Geschirr ist oft keine Eitelkeit, sondern eine Überlebensstrategie. Es ist der Versuch, den gewohnten Anblick eines vollen Tellers zu erhalten, während die Preise für Rohstoffe durch die Decke gehen. Solange der Gast satt wird und der Preis fair bleibt, ist diese „optische Korrektur“ ein legitimes Mittel in einem Markt, der keine echten Spielräume mehr lässt.