„Faszinierend. Die menschliche Spezies unterzieht sich einer täglichen Prozedur, bei der sie ihren Körper mit h2O und Tensiden von allen organischen Partikeln und körpereigenen Pheromonen befreit. Das Ziel scheint die Erreichung eines olfaktorischen Nullpunkts zu sein. Doch unmittelbar nach Erreichen dieser Reinheit applizieren sie konzentrierte chemische Ester, die nach ‚moschusartigem Holz‘ oder ‚aromatischen Zitrusfrüchten‘ riechen.
Logische Schlussfolgerung: Der Mensch hat Angst vor seinem eigenen Geruch, vertraut aber einer Flüssigkeit, die in einer Glasflasche von einem französischen Modedesigner verkauft wird. Ein höchst ineffizienter Prozess.“
Warum wir es trotzdem tun (und andere Routinen, die eigentlich irre sind)
Wir hinterfragen diese Dinge nicht, weil sie Teil unseres „sozialen Betriebssystems“ sind. Aber wenn man mal genauer hinsieht, gibt es noch mehr dieser bizarren Verhaltensweisen:
- Das Bettenmachen: Wir verbringen jeden Morgen wertvolle Minuten damit, Decken und Kissen perfekt glattzuziehen und zu arrangieren. Warum? Damit wir sie ca. 16 Stunden später wieder völlig zerwühlen. Es ist, als würde man eine Sandburg bauen, während die Flut bereits am Fuß der Burg leckt.
- Smalltalk über das Wetter: Zwei Menschen stehen im strömenden Regen. Beide sind nass. Einer sagt: „Ganz schön nass heute, was?“ Der andere bejaht das. Mr. Spock würde fragen: „Ist die visuelle und haptische Wahrnehmung der Feuchtigkeit nicht ausreichend? Warum muss der offensichtliche Aggregatzustand der Atmosphäre verbal bestätigt werden?“
- Die „Wie geht’s? – Gut!“-Lüge: Wir nutzen diese Frage als Standard-Begrüßung. Wenn aber jemand wirklich ehrlich antworten würde („Du, meine Bandscheibe drückt und ich habe heute Morgen meinen Kaffee über die Steuererklärung geschüttet“), wären wir völlig überfordert. Wir fragen also nach etwas, dessen Antwort uns eigentlich gar nicht interessiert.
Die Elfriede-Perspektive zur Parfüm-Frage
Unsere Elfriede Weber de Fernandez hätte dazu sicher auch eine Meinung, während sie ihre Stille Sibylle kaut:
„Mensch, Kindchen, det is wie beim Tapezieren! Erst machste de alte Raufaser ab, bis de Wand nackich is, und dann klatschste neue Farbe druff. Keener will de nackte Wand sehen! Und keener will riechen, det du den janzen Tag in de U-Bahn jesessen hast. Aber det janze Teure-Wässerchen nützt ooch nüscht, wenn de Charakter stinkt. Det kannste nich wegduschen!“
Routinen wie das Parfümieren nach dem Duschen sind „soziale Schmierstoffe“. Wir wollen nicht nur sauber sein, wir wollen eine Identität ausstrahlen. Der Geruch nach „Clean Cotton“ oder „Midnight Tabacco“ ist unser Kostüm für die Nase.
