Bier ist weit mehr als nur ein Kaltgetränk – es ist ein Kulturgut, das die Menschheit seit Jahrtausenden begleitet. Doch das, was wir heute als kühles Blondes kennen, hat eine radikale Wandlung hinter sich.
1. Ein kurzer Abriss: Wie alles begann
Die Geschichte des Bieres reicht über 10.000 Jahre zurück. Schon die Sumerer und Ägypter brauten bierähnliche Getränke. Im frühen Mittelalter lag das Braurecht vor allem bei den Klöstern. Da die Mönche während der Fastenzeit keine feste Nahrung zu sich nehmen durften, brauten sie besonders nahrhaftes, starkes Bier nach dem Motto: „Flüssiges bricht das Fasten nicht.“ Bier war damals Grundnahrungsmittel und oft sicherer als Wasser, da Keime beim Kochen abgetötet wurden.
2. Bier im Mittelalter: Wild, würzig und trüb
Das mittelalterliche Bier würde uns heute vermutlich einen Schock versetzen. Es war meist trüb, kohlensäurearm und geschmacklich völlig anders:
- Gruitbier (Grutbier): Bevor der Hopfen im 12. und 13. Jahrhundert seinen Siegeszug antrat, wurde Bier mit einer Kräutermischung (Grut) gewürzt. Dazu gehörten Schafgarbe, Sumpfporst, Myrte und manchmal sogar berauschende Kräuter.
- Kein Reinheitsgebot: Man mischte oft bei, was gerade da war (Wacholder, Pech oder Ruß zur Färbung). Erst 1516 setzte das Bayerische Reinheitsgebot dem ein Ende.
- Leichte vs. Schwere Biere: Es gab das „Dünnbier“ (für Kinder und Gesinde) und das nahrhafte „Starkbier“ für die Herren.
3. Industriebier: Die Perfektion der Standardisierung
Mit der Erfindung der Kältemaschine und der Entdeckung der Reinzuchthefe im 19. Jahrhundert wurde Bier massentauglich und haltbar. Heute dominieren weltweit einige wenige Sorten den Industriemarkt:
- Pils: Herb, schlank und hell. Die unangefochtene Nummer eins in Deutschland.
- Helles: Weniger Hopfen, mehr Malzsüße – besonders im Süden beliebt.
- Weizenbier: Obergärig mit charakteristischen Bananen- und Nelkenaromen.
- Export / Lager: Etwas kräftiger und süffiger.
Das Ziel der Industrie: Ein Bier zu brauen, das Millionen Menschen schmeckt und in jedem Land exakt gleich produziert werden kann. Die Ecken und Kanten des Geschmacks werden hier oft weggeschliffen.
4. Craftbier: Die Rückkehr der Aromen
Gegen die „Einheitsbiere“ regte sich vor einigen Jahrzehnten Widerstand. Die Craftbier-Bewegung (handwerklich gebrautes Bier) besann sich auf alte Traditionen und neue Hopfenexperimente:
- IPA (India Pale Ale): Das Flaggschiff der Szene. Extrem hopfenbetont mit Noten von Zitrus, Mango oder Kiefer.
- Stout / Porter: Tiefschwarz, mit Aromen von Röstkaffee und dunkler Schokolade.
- Gose / Sour Ale: Wiederentdeckte, säuerliche Biere (oft mit Milchsäurebakterien vergoren), die extrem erfrischend wirken.
- Fassgereifte Biere: Biere, die in alten Whiskey- oder Weinfässern gelagert werden und komplexe Holznoten aufnehmen.
Die Freiheit der Wahl
Während Industriebier durch Verlässlichkeit und einen günstigen Preis punktet, bietet Craftbier Abenteuer für den Gaumen. Wir leben in einer goldenen Ära für Biertrinker: Wir haben das Wissen der Mönche, die Technik der Industrie und die Kreativität der Craft-Brauer zur Verfügung.
