Ein Kommentar von der Front der unbezahlten Systemadministratoren (früher bekannt als „Kunden“).
Erinnern Sie sich noch an die 70er Jahre? Nein, nicht an die Schlaghosen, sondern an die Computer. Damals war ein Computer wie ein loyaler Haushund: Er hatte eine Aufgabe (zum Beispiel eine Liste sortieren), er erledigte sie in seinem stillen Kämmerlein, und wenn er fertig war, wedelte er virtuell mit dem Schwanz. Er war nicht vernetzt, er wollte kein Update, und er hat sicher nicht mitten in der Arbeit gefragt, ob er Ihre Standortdaten mit einem Server in Palo Alto teilen darf, um Ihre „Nutzererfahrung zu verbessern“.
Die Ära des „Protokoll-Arbeiters“
Heute hingegen leben wir im Zeitalter der Hyper-Vernetzung. Stellen Sie sich einen Fließbandarbeiter vor, der eigentlich nur Schrauben festziehen soll. In der modernen Welt muss dieser Arbeiter aber während jeder Umdrehung ein Protokoll führen: „Schraube 47 wurde mit 12 Newtonmeter angezogen. Der Arbeiter hat dabei leicht geschwitzt. Die Luftfeuchtigkeit betrug 42 %. Die Schraube hat ein gültiges Abonnement für das Gewinde-Zertifikat.“ Das Ergebnis? Er kommt vor lauter Schreiben nicht mehr zum Schrauben. Genau das passiert in unserer Software. Eine App, die früher einfach nur eine Taschenlampe war, muss heute erst einmal Rücksprache mit dem Mutterschiff halten, drei Werbebanner laden, Ihre Identität per Gesichtsscan prüfen und ein Sicherheitsupdate für die „Stabilität“ (sprich: für das Schließen von Löchern, die es ohne die Vernetzung gar nicht gäbe) verlangen.
Die „Login-Hölle“: Das Fegefeuer der Moderne
Und dann ist da das „App-Problem“. Wir alle kennen diesen rituellen Tanz: Man möchte nach zwei Jahren eine App öffnen, die eigentlich eine simple Funktion erfüllt. Doch statt der Funktion sehen wir… nichts. Oder ein Lade-Symbol, das uns Zeit gibt, über unsere Lebensentscheidungen nachzudenken.
Die App ist nicht kaputt – sie ist nur „beleidigt“, weil sie seit drei Wochen kein Update bekommen hat. Also: Neuinstallation. Und hier beginnt das wahre Abenteuer: Der Login. Welches Passwort war es? War es Passwort123, MeinHundBello2018 oder die 16-stellige kryptische Zeichenfolge, die man sich in einem Anfall von Sicherheitswahn ausgedacht und sofort vergessen hat? Am Ende verbringt man 40 Minuten damit, den Zugang zu einer Funktion wiederherzustellen, die einem 30 Sekunden Zeit sparen sollte. Das ist kein Fortschritt, das ist ein energetisches Verlustgeschäft, das nur noch von der Bürokratie im Finanzamt übertroffen wird.
Der Chef als Zielobjekt: Gleichheit vor dem Algorithmus
Man könnte meinen, die „oberen Zehntausend“ blieben von diesem Wahnsinn verschont. Doch weit gefehlt! Die Digitalisierung ist der große Gleichmacher. Der CEO eines Dax-Konzerns und der Social Media Manager einer lokalen Bäckerei werden vor dem Bildschirm zu den gleichen jämmerlichen Zielobjekten.
Wenn das System streikt, ist es der Technik völlig egal, ob Sie gerade eine Milliarden-Fusion vorbereiten oder nur ein Foto von einem Streuselkuchen hochladen wollen. Wir alle sind zu Wartungstechnikern unserer eigenen Existenz degradiert worden. Der Chef ist heute kein Stratege mehr, sondern oft nur noch ein „Schnittstellen-Objekt“, das versucht, seine Zwei-Faktor-Authentifizierung zu überlisten, bevor das nächste Meeting beginnt.
Die Gewinner von morgen: Die analoge Elite
Es zeichnet sich ein interessantes Szenario ab: Während die Welt in einer Kaskade aus Update-Fehlern und Server-Blockaden langsam zum Stillstand kommt, werden die „Technik-Ausklammerer“ die lachenden Dritten sein.
Wenn die Cloud brennt und die App für die Warenannahme im Supermarkt den Dienst quittiert, ist derjenige der König, der noch weiß, wie man einen Lieferschein mit dem Kugelschreiber ausfüllt. In einer Welt, in der die Technik „ohne ersichtlichen Grund“ streikt, wird Autonomie zur neuen Superkraft. Wer produzieren und versorgen kann, ohne sich vorher irgendwo einloggen zu müssen, hat das Spiel gewonnen.
Wir haben die einfache Effizienz gegen eine hochgradig fragile Komplexität eingetauscht. Aber hey, immerhin wissen wir jetzt in Echtzeit, warum gar nichts mehr geht. Ist das nicht auch ein schöner Erfolg der Moderne?
