Es gibt Dinge, die ändern sich nie. Dazu gehört der unerschütterliche Drang der Menschheit, die eigene Bedeutungslosigkeit hinter möglichst imposantem Werkzeug zu verstecken. Wer in der Sache nichts zu sagen hat, greift seit jeher nach dem neusten Gadget, um zumindest so auszusehen, als würde er das Rad der Geschichte drehen.

Das Gürteltaschen-Syndrom (Anno 2000)

Erinnern wir uns kurz an die Jahrtausendwende. Die Geburtsstunde des mobilen Wichtigtuers. Damals stieg die gesellschaftliche Relevanz exakt proportional zur Sichtbarkeit des Mobiltelefons. Die Speerspitze der lokalen Business-Elite trug ihr Nokia 6210 nicht etwa pragmatisch in der Hosentasche – nein, es prangte stolz in einer Leder-Querhülle direkt am Gürtel. Griffbereit wie der Colt eines Cowboys.

Das Phänomen beschränkte sich nicht auf die Optik. Sobald in der Dorfgaststätte die polyphone 8-Bit-Version von „Final Countdown“ in Maximallautstärke ertönte, sprangen diese Pioniere der Erreichbarkeit auf. Mit wichtiger Miene wurde im Stehen telefoniert, damit auch der letzte Gast am Nebentisch mitbekam, dass hier gerade weltbewegende Dinge verhandelt wurden. (Dass es meistens nur die Ehefrau war, die nach der Einkaufsliste fragte, blieb das bestgehütete Geheimnis des Gürteltaschen-Keepers).

Das Werkzeug war neu, die Egos waren riesig – und die Ineffizienz feierte ihre erste große Blütezeit.

Der Angestellten-Tanz: Beschäftigung als Kunstform

Mit dem Einzug der digitalen Arbeitswelt perfektionierte sich dieses Muster. Der klassische Arbeitnehmer stellte fest: Wer ein Problem in zehn Minuten löst, bekommt zur Belohnung nur das nächste Problem auf den Tisch. Wer sich hingegen einen halben Tag lang durch die Formatierungsoptionen von Word wühlt oder stundenlang die Farbpalette einer Excel-Tabelle abstimmt, gilt als gründlich, ausgelastet und unersetzlich.

Es entstand die hohe Kunst des Prozess-Aktionismus:

  1. Man nehme ein denkbar einfaches Problem.
  2. Man berufe ein Meeting mit mindestens vier Beteiligten ein („Viele Köche-Prinzip“).
  3. Man verliert sich stundenlang in den Features des Werkzeugs, statt das Ergebnis zu liefern.

Am Ende wurde zwar nichts erreicht, aber alle haben sehr viel gearbeitet. Das Werkzeug diente nicht mehr dazu, Zeit zu sparen, sondern die gesparte Zeit so aufwendig zu vernichten, dass es nach wichtiger Arbeit aussah.

Die KI-Revival-Show: Der Schützenkönig als Art Director

Fast ein Vierteljahrhundert nach den ersten Gürtel-Handys schließt sich der Kreis. Heute stehen wir vor den Trümmern des nächsten Technik-Hypes – und die Protagonisten sind dieselben geblieben. Die ehemals überforderten Handy-Poser haben die generative Künstliche Intelligenz für sich entdeckt.

Wo früher der Dorfgasthof oder der lokale Kleintierzuchtverein mit verzerrten Cliparts und Comic Sans auf billigen Flyern warb, herrscht heute der digitale Hochglanz-Größenwahn. Der Schützenmeister tippt drei Schlagworte in einen Promptexperimentierkasten und fühlt sich auf einen Schlag wie der Creative Director einer New Yorker Werbeagentur.

Das Ergebnis flutete in den letzten Monaten unsere Feeds:

  • Plastik-Biere mit drei Henkeln
  • Wurstplatten im übersättigten 3D-Look eines Videospiels
  • Neonschriften und Funkenflug für das traditionelle Bingo-Finale

Keine Ästhetik, kein Konzept, kein Wiedererkennungswert – aber maximale Begeisterung beim Ersteller! Wieder einmal wird nicht Qualität gezeigt, sondern stolz demonstriert, dass man die Technik unfallfrei bedienen konnte.

Das Werkzeug wechselt, die Inkompetenz bleibt

Ob das scheppernde Handy am Gürtel im Jahr 2000 oder das seelenlose KI-Plakat im Jahr 2026: Der Werkzeug-Fetischismus ist die stärkste Währung derer, die Inhalt durch Aufwand ersetzen.

Am Ende bleibt die beruhigende Erkenntnis: Die Technologie mag sich exponentiell weiterentwickeln – aber der menschliche Hang, sich mit neuem Spielzeug lächerlich zu machen, bleibt eine verlässliche Konstante.