Es gibt dieses ungeschriebene Gesetz im Jahresverlauf. Eine winzige, hochtoxische Klimazone zwischen Ende August und Mitte September, in der sich die Menschheit spaltet. Es ist das ultimative „Glas-halb-voll-oder-halb-leer-Paradoxon“ – nur eben mit UV-Schutzfaktor 50 auf der einen und Thermounterwäsche auf der anderen Seite.

Ich gehöre unkorrigierbar zur Fraktion Spätsommer. Ich bin die Redakteurin, die Sturheit als Lebenseinstellung zelebriert. Wenn das Thermometer nachmittagstauglich an der 20-Grad-Marke kratzt, packe ich mein Handtuch, klemme den verbliebenen Sekt-Rest aus dem Kühlschrank auf den Gepäckträger und schwinge mich aufs Rad. Ziel: Badesee. Weil noch Sommer ist. Punkt.

Doch die Fahrt dorthin durch die Kleingartenanlage war diese Woche ein einziger Spießrutenlauf für die Seele.

Panik im Vorgarten: Der große Rückzug der Muggels

Ich rollte also mit wehendem Sommerkleid entspannt über den Asphalt, als ich ihn sah: Meinen Nachbarn. Es war der 2. September. Es waren 22 Grad. Die Sonne schien ungefiltert vom Himmel. Und was tat dieser Mann? Er trug eine gesteppte Übergangsjacke, fegte mit verbissener Miene drei verirrte, gelbe Blätter vom Rasen und verstaute wütend seine Plastik-Sonnenliege im Schuppen.

Er hatte die Liege nicht einfach nur beiseitegestellt. Er hatte sie mit Luftpolsterfolie umwickelt und mit einem Vorhängeschloss gesichert. Als hätte er Angst, dass der Oktober persönlich kommt und sich ungefragt draufsetzt.

Ein paar Parzellen weiter stand das nächste Drama: Ein Ehepaar beim traditionellen „Gartenmöbel-Einwintern“. Er auf der Stehleiter beim Ölen der Holzbank, sie mit Schal (!) beim Kaffeekränzchen. Sie blickten mich an, als wäre ich ein Gespenst aus einer verdrängten Epoche. „Kuck mal, die fährt noch baden“, schien der Blick zu sagen, „die arme Irre weiß noch gar nicht, dass die Heizperiode vor der Tür steht.“

Ich habe im Vorbeiradeln extra laut an meiner Eisschorle geschlürft.

Den Sommer bis zum ende ausnutzen. Sonne tanken und entspannen.

Die meteorologische Schizophrenie

Was ist das bitte für ein kollektiver Reflex? Warum verfallen 50 Prozent der Mitteleuropäer ab dem ersten Septemberblatt in den Panik-Eichhörnchen-Modus?

  • Die Herbst-Realisten: Sie riechen die erste kühle Brise um 6 Uhr morgens und stellen gedanklich sofort auf Lebkuchen, Nebenkostenabrechnung und Winterreifen um. Für sie ist der September kein verlängerter August, sondern das traurige Vorspiel zum November. Sie kaufen Spekulatius, wenn man draußen noch Schwitzflecken bekommt.
  • Die Sommer-Pessimisten: Ich. Wir beißen mit Gänschaut ins Vanilleeis, behaupten steif und fest, dass 18 Grad Wassertemperatur „eigentlich total erfrischend“ sind und nennen jeden einzelnen Nachmittag stur den „definitiv allerletzten Badesee-Tag des Jahres“ – und das vier Wochen lang bis Mitte Oktober.

Sülze auf der Veranda, Glühwein im Sinn?

Am See angekommen, war die Welt natürlich noch in Ordnung. Das Wasser war klar, die Sonne brannte warm auf den Rücken, und die Kiosk-Schlange war herrlich kurz. Doch die Erkenntnis bleibt: Wir leben in zwei parallelen Wirklichkeiten.

Während die einen draußen noch das Glas Sekt auf Eis genießen und das Leben nach draußen verlegen, packen die anderen gedanklich schon die Wärmflasche ein. Aber wisst ihr was? Genau in dieser Lücke liegt die wahre Kunst. Man kann die Plastikstühle meinetwegen in den Schuppen ketten – aber solange die Sonne scheint, bleibt die Radlerhose an.

Ich fahre jetzt übrigens wieder zurück. Vorbei am Nachbarn. Ich überlege noch, ob ich ihm im Vorbeifahren ein fröhliches „Frohes neues Jahr!“ zurufe. Sicher ist sicher.