Von der Ostsee bis ins Allgäu schrillen die Alarmsignale einer Branche, die den Kompass verloren hat. Während traditionsreiche Dorfkneipen reihenweise das Zeitliche segnen, versuchen Ratlose das Ruder in letzter Sekunde herumzureißen – mit Phrasen, Berater-Deutsch und peinlicher Anbiederung. Auf der Zielgeraden zur vermeintlichen Zukunftsfähigkeit droht nun auch noch der verbliebene Rest an gastronomischer Haltung auf dem Altar der Beliebigkeit geopfert zu werden.
Von unserem Gastronomie- und Wirtschaftsredakteur
Wismar / Frankfurt am Main. Man muss keine soziologische Tiefenschärfe besitzen, um den Niedergang der deutschen Fest- und Gastronomie-Kultur der letzten Jahre zu diagnostizieren. Wer derzeit durch die ländlichen Regionen der Republik fährt, sieht vor allem zwei Symptome desselben Zerfalls: Auf der einen Seite das krampfhaft inszenierte „Oktoberfest“ am Sportplatzgelände, das den x-ten Aufguss einer seelenlosen Ballermann-Party mit Hüpfburg und Freibier darstellt. Auf der anderen Seite das schleichende Sterben der Ecken und Winkel, die einst gesellschaftliche Ankerpunkte waren.
Wo vor wenigen Jahrzehnten noch schwere Eichentische, patinierte Messinglampen und ehrliches Handwerk das Fundament bildeten, herrscht heute entweder sterile Katalog-Kälte oder gähnende Leere. Das klassische deutsche Wirtshaus steht mit dem Rücken zur Wand. Doch statt auf Qualität, Raumtiefe und professionelle Distanz zu setzen, empfehlen moderne Marketing-Agenturen nun die endgültige Kapitulation vor dem Zeitgeist.
Der Kampf gegen das Verstauben: Wenn Anbiederung als Strategie verkauft wird
Unter Schlagworten wie „Transformation im ländlichen Raum“ oder „den neuen Bürger ins Boot holen“ formiert sich eine Berater-Rhetorik, die den Verfall nicht stoppen kann, sondern ihn nur beschleunigt. Man müsse, so heißt es unisono aus den PR-Zentralen, die Sehgewohnheiten einer völlig neuen Generation bedienen. Einer Generation, die mit Schlabberlook, Tätowierungen, Nerdbrille und permanentem Blick auf das Smartphone durchs Leben navigiert.
Um das sinkende Schiff noch auf Kurs zu halten, so der Tenor, reiche es nicht mehr aus, das Menü zu überarbeiten. Nein, das Vokabular der Tradition selbst gehöre auf den Müllhaufen der Geschichte. Die Eiche stehe für die Alten, das weiße Ross für eine vergangene Epoche. Wer heute im scharfen Wettbewerb nicht auf der Strecke bleiben wolle, müsse die eigene Kneipe schleunigst den pragmatischen Orientierungspunkten der Postmoderne anpassen.
Wenn der „Goldene Stern“ zur „WLAN-Stube“ verkommt
Die Vorschläge, die derzeit durch die Fachforen geistern, lesen sich wie eine Satireschrift über das fortschreitende Unvermögen, echte Werte zu schaffen:
- „Zur Funkmast-Klause“ statt „Zur Linde“: Die Kapitulation des Ambientes vor der Erreichbarkeit.
- „Am REWE“ statt „Zum Ratskeller“: Die Verlegung des sozialen Lebensmittelpunkts an den Parkplatz des Vollsortimenters.
- „Zur WLAN-Stube“: Das Bekenntnis, dass der Gastraum nicht mehr Ort des Gesprächs ist, sondern nur noch Ladestation für digitale Betäubung.
- „Am Packstation-Treff“: Die vollständige Reduktion von Gastlichkeit auf ein Abfallprodukt alltäglicher Logistik.
Die Illusion vom Rettungsanker
Wer glaubt, mit solchen Etikettenschwindeln das Ruder rumreißen zu können, unterschätzt das Publikum maßlos. Der Gast – ob alt oder jung – läuft nicht vor der Tradition weg, sondern vor der Beliebigkeit. Er meidet Lokale nicht, weil sie „Zur Linde“ heißen, sondern weil sich hinter den Fassaden oft weder Gastfreundschaft noch Handwerk, sondern nur noch überforderte Funktionäre und sterile Katalog-Möbel verbergen.
Der verzweifelte Versuch, jeden Trend mitzunehmen und sich bis zur Unkenntlichkeit zu verstellen, ist kein Befreiungsschlag, sondern das letzte Kapitel einer hausgemachten Misere. Wenn der deutsche Bürger im Schlabberlook am Ende nur noch in die „WLAN-Stube am REWE“ einkehren kann, hat die Gastronomie zwar ihre Zielgruppe „abgeholt“ – aber ihre Seele endgültig auf der Strecke gelassen.
