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Es ist ein faszinierendes Phänomen, das sich jedes Jahr pünktlich Mitte Dezember in den sozialen Netzwerken abspielt. Während die traditionelle Festtagsgans im Stall noch völlig ahnungslos an ihrem letzten Hafer pickt und die Köche des Landes gerade erst die Messer für den Heiligabend-Marathon wetzen, bricht digital bereits der helle Wahnsinn aus: Die „New Year Opening Challenge“.

Es ist das inoffizielle Rennen der Gastronomen darum, wer als Erster, am lautesten und am plakativsten verkündet, dass er im neuen Jahr quasi noch vor dem ersten Katerfrühstück der Nation wieder am Herd steht.

Die Floskel des Grauens: „Wieder wie gewohnt für euch da!“

In einem beispiellosen Feuerwerk an Stockfotos von Sektgläsern und Wunderkerzen überbieten sich Restaurants, Cafés und Eckkneipen mit der immergleichen Standardfloskel: „Wir sind ab dem 02.01. wieder wie gewohnt für euch da!“

Man fragt sich unwillkürlich: Was genau bedeutet eigentlich „wie gewohnt“ in der ersten Januarwoche? Normalerweise bedeutet es:

  • Ein Gastraum, so leer wie die Versprechen der Neujahrsvorsätze.
  • Ein Koch, der beim Anblick eines Fleischstücks leichte Anzeichen von posttraumatischer Belastungsstörung zeigt.
  • Und eine Servicekraft, die versucht, den Gästen „leichte Küche“ zu verkaufen, während der Geruch von verbranntem Fondue-Fett noch in den Gardinen hängt.

Das Sättigungs-Paradoxon

Das Kuriosum an dieser frühen Werbe-Offensive ist die völlige Ignoranz gegenüber der menschlichen Biologie. Während der Gastronom auf Instagram bereits das „Neujahrs-Schnitzel“ bewirbt, befindet sich der potenzielle Gast in einer Phase, die man nur als kulinarische Schockstarre bezeichnen kann.

Wer zwischen dem 24. und 31. Dezember mehr Kalorien in Form von Bratensoße, Klößen und Dominosteinen zu sich genommen hat, als ein mittelgroßer Blauwal im ganzen Quartal, der verspürt am 2. Januar beim Lesen des Wortes „Speisekarte“ eher den Drang zur Selbsteinweisung in eine Saftkur-Klinik als zum Restaurantbesuch.

Die Gastronomie wetteifert um Gäste, die sich gerade erst geschworen haben, bis zum Sommer höchstens noch an einem Salatblatt zu knabbern und den Alkohol durch lauwarmes Leitungswasser zu ersetzen.

Der einsame Januar und der Rettungsanker Karneval

Der Januar in der Gastro ist die Zeit der großen Leere. Die einzige Bewegung in den Lokalen ist das leise Rieseln der vertrockneten Tannennadeln vom Weihnachtsbaum in der Ecke. Die Menschen sind nicht nur satt, sie sind „ausgefeiert“. Das Portemonnaie weist nach den Geschenkkäufen eine ähnliche Flaute auf wie der Magenkapazität.

Der einzige Fixpunkt, der die verzweifelten Wirte durch diese dunkle Zeit rettet, ist der Karneval. Erst wenn die Aussicht besteht, sich in einem hässlichen Kostüm kollektiv die Kante zu geben, erwachen die Lebensgeister wieder. Bis dahin ist das „Wieder wie gewohnt für euch da“-Posten eigentlich nur eine Form der digitalen Selbsttherapie für Gastronomen, um sich einzureden, dass das Geschäft nicht bis Februar im Koma liegt.

Liebe Gastronomen, atmet durch! Die Gans lebt noch. Genießt den Braten, bevor ihr uns mit dem 2. Januar droht. Wir kommen ja wieder – aber gebt uns erst mal Zeit, unsere Hosenknöpfe wieder zuzubekommen.