In der Psychologie und Soziologie gibt es einen Begriff, der ein ebenso verbreitetes wie toxisches Verhaltensmuster beschreibt: die Kompetenz-Arroganz. Sie beschreibt den Moment, in dem Fachwissen nicht mehr als Werkzeug zur Problemlösung dient, sondern als Waffe zur sozialen Erhöhung. Besonders deutlich – und menschlich entlarvend – zeigt sich dieses Phänomen in der Interaktion zwischen unterschiedlichen Gewerken, wie dem klassischen Aufeinandertreffen von Handwerk und Gastronomie. Hier wird Fachwissen instrumentalisiert, um Hierarchien zu schaffen, wo eigentlich Kooperation gefragt wäre.
Der erste Akt: Das Drama der Reparatur
Stellen wir uns die Szene vor: Ein Gastronom steht in seiner Küche, die Spülmaschine oder der Kombidämpfer streikt mitten im Vorweihnachtsgeschäft. Der herbeigerufene Handwerker betritt die Szene. Doch statt einer sachlichen Diagnose folgt eine Performance. Mit einem tiefen Seufzer, gefolgt von einem gequälten „Hm“, einem „Ach je“ und dem finalen „Oh Gott“, wird das Problem künstlich aufgeblasen. Diese akustische Inszenierung hat System. Es ist der Versuch, eine Informationsasymmetrie schamlos auszunutzen.
Indem der Handwerker das Problem als nahezu unlösbare Katastrophe darstellt, erreicht er zwei Ziele: Erstens betreibt er ein psychologisches „Price-Priming“. Wenn der Kunde glaubt, die Welt stünde kurz vor dem Untergang, wird er später jede noch so überzogene Rechnung klaglos bezahlen – Hauptsache, die Rettung ist geglückt. Zweitens dient es der bewussten Herabsetzung des Gegenübers. Der Gastronom wird in die Rolle des „dummen Laien“ gedrängt, der dem gottgleichen Experten ausgeliefert ist. Es ist eine Machtdemonstration, die auf der Unsicherheit des anderen fußt – ein zutiefst überhebliches Verhalten, das Fachwissen zur Einschüchterung missbraucht.
Der zweite Akt: Die Hybris des Gastes
Die charakterliche Offenbarung erreicht jedoch ihre volle, unterirdische Tiefe, wenn der Rollentausch stattfindet. Wenn derselbe Handwerker nun als Gast das Restaurant betritt, legt er seine Arroganz nicht etwa ab – er transformiert sie lediglich. Mit dem Satz „Na, dann wollen wir mal testen, was es so gibt“, betritt er den Gastraum nicht als jemand, der eine Dienstleistung und ein Handwerk genießen möchte, sondern als selbsternannter Scharfrichter.
Obwohl er von der Komplexität der Küchenlogistik, den Warenkostenkalkulationen oder der Kunst der Saucenzubereitung vermutlich ebenso wenig versteht wie der Gastronom von der Programmierung einer Steuerplatine, schwingt er sich zum obersten Prüfer auf. Diese Haltung ist eine Form der „Kompetenz-Übertragung“, bei der jemand glaubt, dass die Meisterschaft im eigenen Feld ihn automatisch dazu befähigt, die Leistung in jedem anderen Feld herablassend zu bewerten. Er sieht das Restaurant nicht als Ort der Gastfreundschaft, sondern als Bühne für sein eigenes Ego. Er „testet“ nicht das Essen, er testet seine Machtposition gegenüber dem Wirt, dem er am Vormittag noch das „Oh Gott“ entgegengehaucht hat.
Die psychologische Leere hinter der Fassade
Diese Form der Kompetenz-Arroganz ist eine charakterliche Offenbarung, die tief blicken lässt. Wer es nötig hat, den Wert der eigenen Arbeit durch das Kleinmachen anderer zu definieren, offenbart eine fundamentale Unsicherheit. Wahre Souveränität und echte Meisterschaft zeichnen sich durch Demut aus – durch das Wissen, dass jedes Handwerk seine Tücken hat und jede professionelle Leistung Respekt verdient.
Wenn der Handwerker den Gastronom „dumm macht“, um den Preis zu treiben, und ihn später als Gast „prüft“, um sich wichtig zu nehmen, zerstört er das Fundament jeder Geschäftsbeziehung: das gegenseitige Vertrauen. Er sieht nicht den Partner, den er braucht, damit seine eigene Welt funktioniert (denn auch ein Handwerker muss essen), sondern nur ein Opfer für seine Selbstdarstellung.
Ein Plädoyer für professionellen Respekt
Die Gastronomie und das Handwerk sind zwei Säulen unserer Gesellschaft, die ohne einander nicht existieren könnten. Die Kompetenz-Arroganz ist der Sand im Getriebe dieses Gefüges. Eine „unterirdische charakterliche Offenbarung“ ist es deshalb, weil sie die Menschlichkeit dem eigenen Geltungsdrang opfert.
Ein wahrer Profi erkennt die Leistung des anderen an, egal ob sie mit einem Schraubenschlüssel oder einem Kochlöffel erbracht wird. Wer jedoch meint, durch „Hm“ und „Ach je“ den Preis und durch „Wir testen mal“ seinen Status heben zu müssen, hat vielleicht sein Handwerk gelernt, aber den Anstand im Umgang mit Menschen völlig vergessen. Es bleibt die Erkenntnis: Arroganz ist das Kostüm der Unsicheren – und in der Gastronomie, wie im Handwerk, erkennt man den wahren Meister daran, dass er es nicht nötig hat, sich über andere zu stellen.
Strategien gegen die Ignoranz: Souveräner Umgang mit der Kompetenz-Arroganz
Wer als Gastronom regelmäßig mit der „Dramaturgie des Schreckens“ auf der Baustelle oder der „Prüfungs-Hybris“ am Gästetisch konfrontiert wird, braucht mehr als nur gute Nerven. Er braucht ein Arsenal an kommunikativen Werkzeugen, um die Kompetenz-Arroganz ins Leere laufen zu lassen, ohne dabei die eigene Professionalität zu opfern.
1. Die Injektion von Sachlichkeit: Den Handwerker-Akkord brechen
Wenn der Techniker vor dem defekten Gerät in seine „Oh-Gott-Litanei“ verfällt, ist die beste Gegenmaßnahme die radikale Versachlichung. Lassen Sie sich nicht in den emotionalen Strudel der Katastrophe ziehen.
- Die Fakten-Injektion: Unterbrechen Sie das theatralische Seufzen mit präzisen, fachlichen Fragen. „Welches spezifische Bauteil ist exakt betroffen?“ oder „Wie sieht die Ersatzteil-Verfügbarkeit laut Herstellerkatalog aus?“
- Der Effekt: Sobald Sie den „Spezialisten“ zwingen, technische Fakten statt vager Gefühle zu liefern, platzt die Blase der künstlichen Überlegenheit. Wer präzise antworten muss, hat keine Zeit mehr für „Ach je“. Signalisieren Sie: Ich schätze Ihre Arbeit, aber ich bezahle für eine Reparatur, nicht für eine Aufführung.
2. Die Gastgeber-Souveränität: Den „Test-Gast“ entwaffnen
Wenn der Handwerker am Abend als Gast mit der Attitüde eines ungnädigen Inquisitors erscheint („Mal sehen, was ihr so könnt“), ist die Versuchung groß, sich zu rechtfertigen oder defensiv zu reagieren. Doch genau das ist das Ziel der Arroganz.
- Die Spiegelung der Erwartung: Reagieren Sie mit einer Freundlichkeit, die so professionell ist, dass sie fast schon klinisch wirkt. Ein Satz wie: „Es freut uns, dass Sie heute unser Gast sind. Wir sind zuversichtlich, dass unser hoher Standard auch Ihren Erwartungen standhalten wird“, rückt die Verhältnisse gerade.
- Der Effekt: Sie nehmen die Rolle des Gastgebers wieder voll ein. Sie sind nicht der Angeklagte vor Gericht, sondern der Profi in seinem Revier. Wer „testen“ will, braucht ein Gegenüber, das sich prüfen lässt. Wenn Sie jedoch mit unerschütterlicher Souveränität servieren, entziehen Sie dem Möchtegern-Prüfer die Bühne.
3. Die Grenzziehung: Das Ansprechen des Unausgesprochenen
Manchmal ist die Kompetenz-Arroganz so tief verwurzelt, dass nur noch die offene Konfrontation mit Stil hilft. Wenn die Herablassung das berufliche Miteinander unerträglich macht, ist ein klärendes Wort unter Profis angebracht.
- Das Protokoll der Wertschätzung: „Ich schätze Ihre handwerkliche Expertise sehr, deshalb habe ich Sie gerufen. Ich lege jedoch Wert auf eine Kommunikation, die auf Fakten basiert, statt auf dramatischer Inszenierung.“
- Der Effekt: Damit machen Sie deutlich, dass Sie den Fachmann respektieren, den „Knallkopf“ dahinter aber durchschaut haben. Oft führt dieses klare Signal zu einem plötzlichen (wenn auch peinlich berührten) Rückzug in die Sachlichkeit.
4. Die ultimative Konsequenz: Loyalität ist keine Einbahnstraße
Am Ende des Tages ist Gastronomie, genau wie das Handwerk, ein Beziehungsgeschäft. Wenn ein Dienstleister – ob Klempner oder Elektriker – seine Marktmacht nutzt, um Sie regelmäßig moralisch oder finanziell „dumm zu machen“, ist es Zeit für einen strategischen Wechsel.
- Netzwerkpflege statt Abhängigkeit: Suchen Sie sich Partner, die den Wert Ihrer Branche verstehen. Ein Handwerker, der gerne bei Ihnen isst, weil er Ihre Qualität schätzt, wird seine Reparatur seltener als Weltuntergang inszenieren.
- Der Effekt: Wahre Kompetenz hat es nicht nötig, sich aufzuplustern. Wer einen Partner findet, der mit echter Meisterschaft und echter Demut agiert, spart nicht nur Geld, sondern auch Lebenszeit.
Fazit für den Gastronomen: Die beste Antwort auf Kompetenz-Arroganz ist die eigene, unaufgeregte Exzellenz. Lassen Sie den Handwerker seufzen und den Gast prüfen – solange Ihre Küche läuft und Ihr Service glänzt, sind Sie derjenige, der die Spielregeln bestimmt. Ein Profi erkennt einen Profi. Und wer keiner ist, entlarvt sich durch sein Theater ohnehin von selbst.

