In der Hierarchie der Dienstleistung steht der Gastronom am Schreibtisch, der Wirt hingegen steht am Pranger der öffentlichen Erwartung. Das Problem: Die Menschen gehen nicht zum „Gastronomen“, um eine Kalkulation zu essen – sie gehen zum „Wirt“, um ihn zu konsumieren. In diesem bizarren Beziehungsgeflecht ist das Essen nur noch der Vorwand, um sich am Wesen des Gastgebers zu bedienen.
1. Die Ware „Wirt“: Dienstleistung als Selbstaufgabe
Der Wirt ist kein Unternehmer im klassischen Sinne; er ist das Inventar. Er ist der Seelentröster, der Prügelknabe für schlechte Laune und der Pausenclown, der den immer gleichen Witz zum hundertsten Mal erzählt, damit die Stammkundschaft sich heimisch fühlt. Das eigentliche Angebot – das Bier, das Schnitzel, die Suppe – ist zweitrangig. Die Gäste kaufen seine Zeit, seine Aufmerksamkeit und vor allem seine permanente Verfügbarkeit.
2. Das psychologische Gefängnis: „Der darf das nicht!“
Da der Wirt als das „Eigentum“ des Gastes wahrgenommen wird, entsteht eine hässliche Form von Besitzanspruch. Wenn dieser Mensch es wagt, sich aus der Schusslinie zu nehmen und Urlaub zu machen, wird das vom Gast fast wie ein persönlicher Verrat empfunden.
- Der Gedankengang des Gastes ist simpel: „Ich lasse mein Geld hier, also erwarte ich, dass das Produkt (der Wirt) jederzeit zur Verfügung steht.“
- Wenn der Wirt dann am Strand liegt, empfindet der Gast dies als unverdienten Luxus, der von seinem Geld finanziert wurde.
3. Warum die Renovierung das einzige legitime Alibi ist
Hier schließt sich der Kreis zu den Renovierungs-Fotos. Der Wirt weiß um die Beschränkheit dieser Wahrnehmung. Er weiß, dass Ironie bei einem Publikum, das ihn als besseres Haustier betrachtet, nicht ankommt.
Ein Foto aus dem Urlaub würde als Angriff gewertet werden: „Guck mal, der feine Herr amüsiert sich, während ich hart für mein Bier arbeiten muss.“ Das Foto mit dem Bohrhammer hingegen ist die Unterwerfungsgeste, die das Publikum braucht. Es signalisiert: „Keine Sorge, ich leide auch in der Freizeit. Ich bin immer noch euer Diener, ich tausche nur die Schürze gegen den Blaumann.“ Die Renovierung ist die einzige Form von Abwesenheit, die der Gast verzeiht, weil sie dem Dogma des „unermüdlichen Fleißes“ entspricht.
4. Die „Lichtjahre“ zwischen Management und Tresen
Der Gastronom kann es sich leisten, ein Bild vom Golfplatz zu posten, weil er eine Marke verkauft. Er ist austauschbar, sein Konzept zählt. Der Wirt hingegen ist gefangen. Er hat sich selbst zur Marke gemacht und damit seine Freiheit gegen die Gunst der „Blase“ eingetauscht.
Diese Menschen, die den Wirt konsumieren, haben keine Antenne für Ironie oder für die Tatsache, dass ein Mensch Regeneration braucht. Sie wollen den Pausenclown sehen, der auch in der Pause noch jongliert – und sei es mit Backsteinen auf der Baustelle.
Eine Branche in der Geiselhaft der Erwartung
Das Phänomen der Renovierungs-Postings ist nichts anderes als das präventive Duckmäusertum eines Berufsstandes, der sich selbst zum Abschuss freigegeben hat. Solange der Wirt als „das Produkt“ wahrgenommen wird, muss er die Fassade des ewigen Arbeiters aufrechterhalten.
Es ist eine traurige Erkenntnis: In einer Welt, in der die Wahrnehmung vieler Menschen an der eigenen Nasenspitze endet, ist die Wahrheit (Urlaub zur Erholung) ein politisches Risiko, während die Lüge (Urlaub als Schwerstarbeit) die einzige Währung ist, die noch akzeptiert wird.
