Jede Freundinnen-Runde hat eine. Sie lacht etwas zu laut, trägt die buntessten Schals und hält das Leben für ein einziges großes Abenteuer. Bislang nannte man sie etwas platt „verrückte Nudel“. Doch Sprachforscher und Historiker sind sich einig: Es wird Zeit für die feine, adlige Bezeichnung.
Wenn am Freitagabend das zweite Glas Prosecco eingegossen wird und jemand spontan vorschlägt, „heute mal die Schuhe auszuziehen und auf dem Rasen zu tanzen“, dann ist er wieder da – dieser Moment magischer, herrlich harmloser Verrücktheit.
Manch einer lächelt müde darüber. Doch wer dieses Verhalten als spießig oder aufgesetzt abtut, verkennt eine jahrhundertealte Tradition des gehobenen Schabernacks. Denn was heute die Vorstadt-Clique zelebriert, erfand man schon um 1700 am französischen Hof: das Phänomen der Tuervie Brûcholée [sprich: Tür-vie Brü-scho-leé].
Die edle Herkunft: Damen-Schabernack im Dunstkreis des Adels
Wir schreiben das Jahr 1712, Schloss Versailles. Den jungen Hofdamen ist zwischen strengem Protokoll, Korsetts und unendlichen Empfängen tödlich langweilig. Um dem steifen Hofeffekt für ein paar Minuten zu entfliehen, erfanden sie kleine, völlig harmlose Streiche: Man versteckte die Gehstrümpfe des Herzogs, warf Rosenblüten in die Perücken der Wachen oder giggelte hinter den Seidenfächern etwas zu laut über höfische Anzüglichkeiten.
Da es im Französischen kein passendes Wort für diesen kontrollierten, süßen Unsinn gab, prägten die Damen ein phonetisches Kunstwort – ähnlich dem deutschen „Papperlapapp“ oder „Kladderadatsch“: Tuervie Brûcholée.
Es klang wie ein hochgestochener Fachbegriff aus der Philosophie, bedeutete aber schlichtweg: „Rebellin der Herzen mit Schabernack im Kopf, aber ohne böse Absicht.“
Das ‚Schnullerbacke‘-Prinzip für Erwachsene
Im Grunde ist die Tuervie Brûcholée das erwachsene Äquivalent zur klassischen Schnullerbacke.
- Schnullerbacke: Man sieht ein Kleinkind, das sich Schokolade ins Gesicht geschmiert hat und stolz Grinsekatze spielt. Niedlich, albern, tut keinem weh.
- Tuervie Brûcholée: Man sieht die Kollegin aus der Buchhaltung, die am Montagmorgen mit einer Tasse „Chefinspektorin für Spass“ ins Meeting marschiert und laut „Tschüssikowski!“ rufen kann, ohne rot zu werden.
Es ist eine liebevolle Titulierung. Eine Tuervie Brûcholée will die Welt nicht brennen sehen. Sie will keine Revolutionen anzetteln oder das System stürzen. Sie bringt einfach nur ein kleines bisschen Konfetti in den grauen Alltag. Sie ist der kulinarische Schaumwein unter den Persönlichkeiten: Sprudelt schnell, knallt kurz, tut aber niemandem weh.
Warum wir mehr Tuervie Brûcholées brauchen
In einer Welt, die immer ernsthafter, durchoptimierter und steifer wird, ist die Tuervie Brûcholée eine unverzichtbare Institution. Sie hält die Fahne der harmlosen Lebensfreude hoch.
Wenn also das nächste Mal jemand in deiner Runde das Prosecco-Glas erhebt, die Augen aufreißt und verkündet, dass heute „so richtig auf den Putz gehauen wird“ (indem man bis 23:00 Uhr aufbleibt) – dann lächle nicht abwertend. Neige das Haupt, erweise dem Adel die Ehre und flüstere stilvoll:
„Ach, schaut sie an… eine echte Tuervie Brûcholée!“
Santé!
