Der kollektive Schnappatmen-Anfall pünktlich zum Wiesn-Anstich. Man kann die Uhr danach stellen. Es braucht keinen Meteorologen, um das Ende des Sommers zu verkünden. Man muss nur die Schlagzeilen zählen. Sobald das erste Blatt gelb wird, beginnt in den Redaktionen das große Zittern und Rechnen. Das Thema? Der Wiesn-Bierpreis.
1. Die jährliche „Schock-Diagnose“
Es ist faszinierend: Jedes Jahr im September tun wir so, als wäre die Preiserhöhung der Maß Bier eine völlig unerwartete Naturkatastrophe – vergleichbar mit einem plötzlichen Meteoriteneinschlag auf der Theresienwiese.
Die Schlagzeilen lauten zuverlässig:
- „Bierpreis-Hammer: Knackt die Maß die 15-Euro-Marke?“
- „Wiesn-Wucher: So teuer wird der Spaß dieses Jahr!“
- „Die Luxus-Brezel: Lohnt sich das Fest noch?“
Die Realität: Ja, es wird teurer. Jedes Jahr. Seit 1810. Wer ernsthaft glaubt, dass das Bier dieses Jahr billiger wird als im Vorjahr, der glaubt vermutlich auch, dass man vom Karussellfahren abnimmt.
2. Die Brezel-Spekulation: Vom Gebäck zum Anlageobjekt
War die Brezel früher der treue Begleiter zum Bier, wird sie heute wie eine seltene Kryptowährung gehandelt. Wenn der Preis für das „Riesenrad aus Teig“ die 8-Euro-Marke durchbricht, beginnt die mathematische Analyse: Wie viele normale Bäcker-Brezeln hätte ich dafür bekommen? (Antwort: Einen ganzen Lastwagen voll).
Aber das ist der Wiesn-Effekt: Im Festzelt entwickeln wir eine temporäre Dyskalkulie. Wir schimpfen zehn Minuten über den Preis, nur um dann drei Maß und fünf Brezeln zu bestellen, als gäbe es kein Morgen.
3. Warum wir dieses Déjà-vu brauchen
Dieses Thema ist der perfekte Indikator für die deutsche Gemütsverfassung. Warum?
- Es verbindet: Ob Chefarzt oder Schweißer – beim Fluchen über den Bierpreis sind alle gleich.
- Es ist sicher: Es gibt keine komplizierte politische Gemengelage. Es ist einfach nur: „Früher war alles billiger.“
- Es ist harmlos: Man kann sich herrlich aufregen, ohne dass es echte Konsequenzen hat. Denn am Ende gehen wir ja doch hin.
4. Der Realitäts-Check à la Elfriede
Unsere Berliner Expertin für Handfestes, Elfriede Weber de Fernandez, würde dazu wahrscheinlich nur trocken sagen:
„Wer fuffzehn Euro für ne Plempe ausjibt, wo de Hälfte Schaum is, der hat det Kontrolle über sein Leben verloren. Für die Kohle kriegste bei mir fünf Stille Sibyllen – und da haste danach nich nur nen Schwips, sondern bist ooch bis Weihnachten satt!“
Der Wiesn-Preis-Check gehört zum deutschen Herbst wie der Schnupfen und die Zeitumstellung. Er ist das mediale Äquivalent zum obligatorischen „Na, heute wieder warm draußen?“ im Fahrstuhl. Wir brauchen das. Es gibt uns Struktur.
Also: Regt euch auf, rechnet nach, vergleicht die Preise mit 1954 – und dann bestellt euch trotzdem eine Maß. Wir sehen uns nächstes Jahr im September wieder. Selbe Stelle, selbe Schlagzeile, 50 Cent teurer.
