Wann ist man ein Profi? Die meisten Menschen haben eine seltsam Bewertung wenn es um diese Frage geht. Wer hin und wieder eine bestimmte Sache tut, ist Amateur. Wer kein geld dafür bekommt, betreibt ein Hobby. Da ist der Bewertungsmaßstab recht konform. Doch es gibt eine Ausnahme, bei der die Menschen einen ganz anderen Ansatz haben, die Sache zu bewerten. Der Profikiller. Bürokratisch gesehen, ist er ein Amateur bzw jemand der ein Hobby betreibt, wenn man die vorherigen Punkte anwendet. Er bekommt sporadisch Aufträge, die Bezahlung ist verschieden oder fällt aus und oft sitzen solche Typen auf einer Bank und wirken als hätten sie eine Angststörung. Warum nennt man sie dann Profikiller? Ganz einfach, weil man hier, bzw generell im unseriösen Bereich rein nach der Fähigkeit urteilt. Einer der den Job erledigt, ist ein Profi. Egal wie die Bezahlung ist und egal wie selten er das macht. Im zivilisierten Bereich bist du bei sowas ein ehrenamtlicher Helfer. Aber so sind die Menschen. Wenn du Salvatore Maria da Lonci Vertisella Murilo heisst, hört man dir eher zu als wenn du Luigi Notti heisst. Das mit dem Profikiller haben wir nachfolgend in eine kleine Geschichte gepackt.
Das Schicksal von Diego del Ponto, dem provinziellen Profikiller
Monte Blanco di Lago war ein Ort, an dem die Zeit spürbar langsamer verstrich. Das tiefblaue Wasser des Bergsees spiegelte die weiß gepuderten Gipfel wider, während an der Promenade die feine Gesellschaft ihren Espresso schlürfte und über die Mieten der Strandpromenade tuschelte.
Mitten in dieser Postkartenidylle lebte Diego del Ponto. In gewissen, sehr verschwiegenen Kreisen war sein Name eine Legende. Diego war stadtbekannter Profikiller. Seine Arbeit erledigte er stets geräuschlos, makellos und mit chirurgischer Präzision. Allerdings war Diego kein Fließbandarbeiter seines Fachs. Er nahm Aufträge nur an, wenn die Chemie stimmte – oder die Kasse dringend aufgebessert werden musste. Ein wahrer Ästhet des Handwerks, der lange Pausen zwischen seinen Einsätzen schätzte.
Ganz anders sah das die hiesige Elite des Vereins Primavera Monte Blanco, ein Zusammenschluss pensionierter Studienräte, Versicherungsagenten und ambitionierter Kleingärtner. Im Vereinsheim direkt am Seeufer wurde nicht nur über die Höhe der Hecken verhandelt, sondern auch über das gesellschaftliche Ansehen der Bewohner.
„Dieser del Ponto ist mir suspekt“, murmelte der Vereinsvorsitzende Herr Meyer-Lobenstein, während er seinen Kaffee umrührte. „Kein festes Anstellungsverhältnis. Kein geregeltes Monatseinkommen. Er sitzt manchmal wochenlang nur auf der Parkbank und starrt auf die Zypressen. So jemand kann doch kein echter Professional sein. Ein Vagabund ist das, ein Hobby-Ganove!“
Diego wusste von dem Gerede, doch es kümmerte ihn wenig. Bis zu jenem verhängnisvollen Dienstag.
Ein dubioser Import-Export-Händler aus dem Nachbardorf hatte Diegos Dienste in Anspruch genommen. Der Auftrag verlief wie gewohnt perfekt: keine Spuren, keine Zeugen, ein vollendetes Meisterwerk der Schattenseite. Das einzige Problem war die Zahlung. Der Auftraggeber hatte sich kurz nach der Vollstreckung mit dem gesamten Vermögen nach Südamerika abgesetzt. Diego blieb auf einer leeren Zigarrenkiste und einer unbezahlten Rechnung sitzen.

Es dauerte nicht lange, bis die Kunde davon den Weg in das Vereinsheim von Primavera fand. Die Nachricht schlug ein wie ein Blitz beim Sommerfest.
Am nächsten Morgen trat Meyer-Lobenstein feierlich vor die versammelte Runde auf der Seeterrasse, strich sich die Weste glatt und verkündete mit schmalen Lippen das Urteil:
„Meine Damen und Herren, es ist offiziell. Wie wir erfahren haben, hat Herr del Ponto für seinen letzten Einsatz keinen einzigen Cent gesehen. Damit ist die Sache glasklar: Wer seine Arbeit ohne finanzielle Gegenleistung verrichtet, handelt aus reinem Zeitvertreib. Diego del Ponto ist kein Profi. Er ist ein Amateur!“
Die Runde nickte zufrieden. Man trank einen Schluck Grappa, erfreut darüber, dass die Welt von Monte Blanco di Lago wieder in den gewohnten, ordnungsgemäßen Kategorien verlief.
Ein paar Tische weiter saß Diego im Schatten einer Platane. Er nahm einen Bedachten Schluck von seinem Campari, blickte über den glitzernden See und lächelte leise vor sich hin. Die Logik der Menschen würde er wohl in diesem Leben nicht mehr verstehen – aber immerhin war das Wetter phantastisch.
