Das Wunder von der Kreidefedern-Kalkulation: Wie aus 119 Euro brutto punktgenau 19 % Mehrwertsteuer werden

Ein exklusiver Werkstatt-Bericht von unserer Wirtschaftsredaktion für performative Verzweiflung

Hinterblasseneu-Kötschenbroda. Meister Eder junior steht vor der Wandtafel seiner Schreinerei, die Ärmel hochgekrempelt, den Blick fest auf die Kreide gerichtet. Draußen wartet die Kundschaft, drinnen läuft das höchste deutsche Hochamt: die öffentliche Milchmädchenrechnung mit Tränengarantie. Unter der Überschrift „119 Euro Stundenlohn – Wer zieht dem Handwerk das Fell über die Ohren?“ rechnet der Meister vor. Das Ergebnis erschüttert das Baugewerbe bis in die Grundfesten der höheren Arithmetik.

„Der Laie sieht 119 Euro auf der Rechnung und denkt, ich fahre einen Vergoldeten Passat“, schnaubt der Meister, während der Kreidestift über das Holz kratzt. „Aber schauen wir uns die Realität an!“

Er zeichnet Pfeile, Prozentzeichen und geschweifte Klammern an die Tafel, die selbst einen Quantenphysiker in die Flucht schlagen würden. 35 Prozent Materialaufschlag für Schrauben, die seit 1994 unberührt im Regalsystem lagern. 25 Prozent Lohnunterhaltskosten für die Mittagspause. 15 Prozent Bürokratie-Wasserkopf für die ordnungsgemäße Entsorgung von Sägemehl gemäß EU-Verordnung 4072/B. Dazu noch Sicherheitsabgaben, Innungsbeiträge, die Pflichtmitgliedschaft im Verein für tradierte Hobelkunst und schmerzend niedrige 3,60 Euro Restgewinn für die GmbH, die sich der Meister als Geschäftsführer am Monatsende schweren Herzens als Gehalt überweisen muss.

Doch dann die mathematische Sensation, die selbst die Finanzämter ratlos zurücklässt:

„Egal wie wir es drehen, wenden, dividieren oder mit dem Zollstock nachmessen“, ruft der Meister und klopft den Kreidestaub von den Händen, „am Ende bleiben von den 119 Euro auf der Rechnung immer haargenau 19 % Mehrwertsteuer übrig. Es ist wie verhext. Die Mathematik kennt keine Gnade.“

Auf die verwirrte Frage eines Kunden aus der ersten Reihe, ob 19 Prozent von 100 Euro Nettobetrag nicht per Definition exakt 19 Euro Umsatzsteuer ergäben und die Kalkulation dazwischen dem Fiskus reichlich schnuppe sei, reagiert die Werkstattgemeinschaft mit betretenem Schweigen.

„Das ist eben die Komplexität der modernen Marktwirtschaft“, raunt ein Geselle im Hintergrund und wischt eine Träne der Rührung aus dem Sägestaub. „Das versteht der normale Verbraucher gar nicht mehr. Da muss man erst mal dreihundert Seiten Berufsgenossenschafts-Prosa lesen.“

Der Artikel schließt mit einem flammenden Appell des Meisterverbandes: Wenn die Politik nicht sofort die Mehrwertsteuer auf Handwerksleistungen abschafft, müsse man den Stundensatz im nächsten Quartal leider auf 150 Euro anheben – damit dem Betrieb nach Abzug der 19 % wenigstens noch 3,60 Euro Gewinn für die nächste Talkshow-Einladung bleiben.