Es ist Freitagabend. Der Magen knurrt, und der Wunsch nach einem schönen kulinarischen Erlebnis keimt auf. Ein kurzer Blick auf Google Maps soll Klarheit schaffen. Doch wer sich durch die Bewertungen der lokalen Gastronomie klickt, betritt kein Verzeichnis für Genuss, sondern ein soziologisches Minenfeld der absoluten Anspruchslosigkeit.
Dort draußen existiert eine ganz besondere Spezies von Restaurantbesuchern. Nennen wir sie die „Kulinarischen Feldwebel“. Sie gehen nicht essen, um etwas Neues zu entdecken. Sie gehen essen, um eine Inspektion durchzuführen.
Die unheilige Dreifaltigkeit: Sülze, Schnitzel, Sparkasse
Der typische Feldwebel-Rezensent besitzt im Kopf eine exakt genormte, unumstößliche Schablone der deutschen Küche. Auf seinem Prüfstand stehen ausschließlich die Klassiker: Würzfleisch, Sülze mit Bratkartoffeln oder das panierte Schweineschnitzel. Abweichungen von diesem heiligen Dreiklang werden als persönlicher Angriff gewertet.
Wagt es ein engagierter Koch tatsächlich, die Sülze mit frischen Kräutern zu verfeinern oder dem Würzfleisch eine dezente Weißweinnote zu verpassen, hagelt es Punktabzug:
„Das Würzfleisch schmeckte irgendwie anders als in der Kantine 1984. Keine Ahnung, was der Koch da reingemacht hat, aber kreativ braucht hier keiner werden. 2 Sterne.“
Diese Menschen suchen kein gastronomisches Erlebnis, sie suchen eine kulinarische Behörde, die ihnen stur den Stempel auf ihre Erwartungshaltung drückt. Innovation ist Bedrohung. Der Gastronom wird nicht an der Kunst des Kochens gemessen, sondern an der Imbissbude ihrer Jugend.
Das Mysterium der „Preis-Leistung“
Besonders faszinierend wird es, wenn der Feldwebel zum alles entscheidenden Kriterium ansetzt: dem „Preis-Leistungs-Verhältnis“. Wer diesen Satz in einer Google-Bewertung hinterlässt, meint in 99 Prozent der Fälle ausschließlich den Preis. Die Leistung – also das Handwerk, die Qualität der Zutaten oder die Herkunft des Fleisches – ist ihm völlig schnuppe.
Da liest man dann Sätze wie: „Schnitzel mit Pommes unter 15 Euro – klasse! Preis-Leistung stimmt!“
Das ist der verbale Offenbarungseid des deutschen Sparfuchses. Es ist die pure Protzerei mit dem Geiz. Dass bei einem Endpreis von unter 15 Euro nach Abzug von Mehrwertsteuer, Pacht, Strom, Heizung und dem Lohn für Küche und Service für das eigentliche Fleisch vielleicht noch zwei Euro übrig bleiben, wird geflissentlich ignoriert. Dass dieses Schnitzel mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit als tiefgefrorener Industriekompressling aus der Masse zugekauft und lieblos in die Fritteuse geworfen wurde, stört den Feldwebel nicht. Hauptsache billig davongekommen.
Wenn Masse Klasse schlägt
Das bringt uns zum eigentlichen Kern des Problems: Diese Rezensenten haben in einem echten Restaurant eigentlich überhaupt nichts verloren. Sie suchen keine Gastronomie, sie suchen eine Treibstoff-Station.
Ihr Vokabular ist dementsprechend schlicht. Du wirst in ihren Texten niemals Worte über Aromen, Texturen, Frische oder das Zusammenspiel von Gewürzen finden. Ihr kulinarischer Horizont lässt sich in einer einfachen Formel zusammenfassen:
$$\text{Zufriedenheit} = \frac{\text{Tellergröße} \times \text{Sättigungsgrad}}{\text{Endpreis}}$$
Wenn das Schnitzel so gigantisch ist, dass es den Tellerrand wie eine geschmolzene Kontinentalplatte begräbt und die Tischdecke berührt, klatschen sie vor Freude in die Hände. Es geht um die reine Masse. Wenn der Magen für maximal wenig Geld maximal voll ist und das Portemonnaie danach immer noch spannt, zücken sie gerührt die 5-Sterne-Krone.
Das Urteil der Ahnungslosen
Das Tragische an der Geschichte ist die Macht der Masse. Der engagierte Gastronom, der versucht, frisch, regional und ohne Chemie-Tüten zu kochen, wird von der Brutalität des Google-Algorithmus bestraft, weil „Portions-Peter“ und „Spar-Sabine“ beleidigt abziehen. Sie bemängeln, dass die Bratkartoffeln nicht in altem Fett schwammen und das frisch gezapfte Bier 40 Cent mehr kostet als in der Vereinsheim-Kneipe nebenan.
Am Ende bewerten diese Menschen in den seltensten Fällen das Restaurant. Sie bewerten ganz unfreiwillig ihren eigenen Geiz und ihren extrem überschaubaren Horizont. Wer die Gastronomie zur reinen Schnäppchenjagd degradiert, hat den Sinn des Genießens nicht verstanden.
Für den nächsten Restaurantbesuch gilt daher: Wenn die Google-Bewertungen voll von Warnungen vor „zu kleinen Portionen“ und Lobeshymnen auf „Preise wie damals“ sind – herzlichen Glückwunsch, du hast wahrscheinlich ein richtig gutes Restaurant gefunden!
