Wer heute vor einem Supermarktregal mit 50 Sorten Eistee und Energydrinks steht, mag glauben, unsere Vorfahren hätten nur lauwarmes Leitungswasser oder Bier getrunken. Doch weit gefehlt! Um 1900 erlebte die Welt der alkoholfreien Getränke eine regelrechte Explosion. Es war die Ära der Mechanisierung, der aufkommenden Kurorte und der ersten großen „Softdrink“-Marken.
1. In der Gastronomie: Das „Saure“ und das „Edle“
In den Restaurants und gehobenen Cafés der Kaiserzeit war die Auswahl streng nach Stand und Anlass sortiert.
- Selterswasser & Sauerbrunnen: Mineralwasser war der Star. Ob aus Niederselters oder anderen berühmten Quellen – „Selters“ war das Synonym für Tafelwasser. Man trank es pur oder, ganz klassisch, zur „Schorle“ mit Wein gespritzt.
- Limonade Gazouse: Wer es süßer mochte, bestellte diese Vorläuferin unserer heutigen Zitronenlimonade. Sie wurde oft frisch aus Zitronensaft, Zucker und kohlensäurehaltigem Wasser gemischt oder kam in dekorativen Siphons auf den Tisch.
- Eiskaffee und Eistee: In den Metropolen wie Berlin oder Wien waren diese Spezialitäten bereits der letzte Schrei im Sommer – serviert in hohen Gläsern, oft mit einer Krone aus echter Schlagsahne.
2. Öffentlicher Raum: Die „Seltersbuden“ und Trinkhallen
Das Stadtbild um 1900 war geprägt von kleinen, oft runden Pavillons: den Trinkhallen.
Diese wurden ursprünglich mit einem fast schon missionarischen Eifer errichtet. Um die Arbeiter vom mittäglichen Schnaps- und Bierkonsum abzubringen, subventionierten Städte den Bau dieser Hallen, in denen Mineralwasser und alkoholfreie Obstsäfte ausgeschenkt wurden. Hier traf sich das Volk auf ein schnelles Glas „Kullwasser“ (wegen der Kugel im Verschluss der Flaschen).
3. Veranstaltungen: Jahrmärkte und Gartenfeste
Bei Volksfesten oder großen Picknicks im Grünen war die Logistik die größte Herausforderung. Da es keine Kühlschränke gab, wurde mit Stangeneis aus Eiskellern gearbeitet.
- Frucht-Brausen: Ein Klassiker auf dem Jahrmarkt. Das waren oft Pulver oder Sirupe (Himbeere, Waldmeister), die vor Ort mit Sprudelwasser aus großen Ballons aufgefüllt wurden.
- Fassbrause: Berlin ist hier Vorreiter. 1908 erfunden, sollte sie geschmacklich dem Bier ähneln (malzig-herb), aber eben alkoholfrei sein – ideal für das Picknick mit der ganzen Familie.
- Orgeat & Sirupe: In südlicheren Gefilden oder bei feinen Gartenfesten waren Mandelmilch-Sirupe (Orgeat) oder Johannisbeersirup, mit Eiswasser verdünnt, extrem beliebt.
4. Die „Apotheken-Wunder“: Cola und Tonic
Um 1900 verschwammen die Grenzen zwischen Genuss und Medizin.
- Tonic Water: Enthielt noch deutlich mehr Chinin als heute und wurde als Schutz gegen Malaria und zur Magenstärkung getrunken.
- Cola: In den USA bereits auf dem Vormarsch (Coca-Cola wurde 1886 erfunden), sickerte das dunkle Elixier langsam nach Europa. Es wurde oft noch als „Tonikum“ gegen Müdigkeit und Kopfschmerz in Apotheken oder spezialisierten „Soda Fountains“ verkauft.
5. Das Verschluss-Wunder: Die Kugelknallflasche
Ein haptisches Highlight der Zeit war die Knall- oder Kugelverschlussflasche. Eine Glaskugel wurde durch den Gasdruck der Kohlensäure gegen einen Gummiring im Flaschenhals gepresst. Zum Öffnen musste man die Kugel mit dem Finger nach innen drücken – ein Geräusch, das für die Kinder der 1900er Jahre untrennbar mit dem Sommer verbunden war. Da diese Flaschen aus hygienischen Gründen (und weil Kinder sie oft einschlugen, um an die Murmeln zu kommen) umstritten waren, setzte sich langsam der Bügelverschluss durch.
Erfrischung mit Stil
Die Erfrischungskultur um 1900 war weniger „klebrig“ als heute. Die Süße kam aus echtem Fruchtsaft oder Rübenzucker, die Kohlensäure war ein Symbol für Fortschritt und Hygiene. Wer heute ein Glas klassische Zitronenlimonade mit echtem Mineralwasser trinkt, ist dem Lebensgefühl der Jahrhundertwende näher, als er denkt.
